NZZ am Sonntag: Lohngleichheit bleibt Papiertiger
Lohngleichheit bleibt Papiertiger
Trotz gleicher Ausbildung und Funktion liegen Frauen in Finanzberufen bei den Salären deutlich zurück
Laut einer neuen Analyse verdienen Frauen mit Finanzausbildungen im Schnitt weit weniger als ihre Kollegen.
Charlotte Jacquemart
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Dieser Grundsatz steht seit 30 Jahren in der Verfassung. Im Gleichstellungsgesetz ist er ebenfalls festgehalten.
Genutzt haben die Gesetzesbuchstaben bis heute wenig, wie Lohnanalysen regelmässig zeigen. Das aktuellste Beispiel kommt aus dem Bereich verschiedener Finanzberufe (Finance). Die auf Lohnanalyse spezialisierte Beratungsfirma Incon hat in einer repräsentativen Untersuchung die Löhne von Mitarbeitern in Finanzabteilungen verschiedener Branchen verglichen. Sie tat dies im Auftrag des VEB, des grössten Schweizer Verbands der Spezialisten für Rechnungslegung, Controlling und Rechnungswesen. Das Resultat ist ernüchternd: Frauen mit eidgenössischen Diplomausbildungen wie Wirtschaftsprüfer, Steuer- oder Treuhandexperten verdienen jährlich im Schnitt 30 000 Fr. weniger als Männer mit dem gleichen Finance-Diplom.
Der Medianlohn - die Hälfte der Befragten liegt darüber, die Hälfte darunter - beträgt für Männer mit eidgenössischen Diplomen 170 000 Fr. Gleichzeitig bewegen sich 50% der untersuchten Männerlöhne zwischen einem Jahreseinkommen von 140 250 Fr. und 205 000 Fr. Frauen mit den gleichen Diplomen kommen im Schnitt auf nur 140 000 Fr. Ihre Jahreseinkommen bewegen sich mehrheitlich zwischen 122 500 Fr. und 161 500 Fr. Schaut man sich die Zahlen für Eidgenössische Fachausbildungen im Bereich Finance an, wiederholt sich das Bild, einfach auf tieferem Niveau (siehe Grafik). Auch aufgeschlüsselt nach einzelnen Ausbildungsgängen treten Unterschiede zutage. Nur gerade die eidgenössisch diplomierten Treuhandexpertinnen verdienen etwas mehr als ihre männlichen Pendants.
Thomas Meier, Chef der Incon und verantwortlich für die Analyse, überrascht das Resultat nicht mehr. Er führt seit Jahren geschlechtsspezifische Lohnanalysen für verschiedene Auftraggeber durch. «Alle reden dauernd davon, wie weit wir mit der Lohngleichheit sind. Die konkreten Zahlen jedoch zeigen immer wieder das Gegenteil. Wir haben in der Schweiz nach wie vor eklatante Lohndiskriminierungen zwischen den Geschlechtern.» Vor einem Jahr hat Meier nachgewiesen, dass die Lohndifferenzen in Tourismus und Hotellerie gar wieder zunehmen.
Laut Meier kann zwar ein kleiner Teil des Lohngefälles in der aktuellen Auswertung allenfalls mit Alter, Position oder Branche erklärt werden. «Der grösste Teil aber bleibt unerklärt und erhärtet den Verdacht, dass das Geschlecht für die Lohnhöhe immer noch eine Rolle spielt.» Gestützt wird das Fazit durch die Auswertung nach Hierarchie/Funktion. Wer auf Stufe Management arbeitet, verdient durchschnittlich 161 000 Fr. Managerinnen haben Ende Jahr im Schnitt aber nur 136 000 Fr. auf dem Lohnkonto, ihre männlichen Kollegen 170 000 Fr. Auch auf den tiefer liegenden Hierarchiestufen Kader und Sachbearbeiter finden sich grosse Differenzen. Es bestätigt sich das, was die Wissenschaft schon lange beobachtet: Die Unterschiede wachsen auf der Karriereleiter.
Die Analyse der Finance-Löhne passt zudem ins Bild der mageren Bilanz des «Lohngleichheitsdialogs». Diese 2009 gestartete Initiative von Bund und Sozialpartnern konnte bis heute gerade mal 22 Firmen mobilisieren, die ihr Lohnsystem auf allfällige Diskriminierungen untersuchen - eine klägliche Quote. Offenbar fürchten die Unternehmen eine Prüfung.
Bestellen Sie hier Ihr persönliches Abonnement: http://abo.nzz.ch/
© NZZ AG 2010 Alle Rechte vorbehalten
| Toolbox | |
|---|---|
|
|
|
|
|
|
|
|
Weiterempfehlen |
|
|
RSS Abonnieren |
| Veröffentlicht 15:44:30 22.05.2012 |

